Schlagwort-Archive: Netzgeschichten

Geschichten, die aus Kettenbrifen stammen oder sonstwie durchs Netz hin- und herrauschen.

Das Netteste

Eines Tages bat eine Lehrerin ihre Schüler, die Namen aller anderen Schüler
in der Klasse auf ein Blatt Papier zu schreiben und ein wenig Platz neben den Namen zu lassen. Dann sagte sie zu den Schülern, Sie sollten überlegen, was das Netteste ist, das sie über jeden ihrer Klassenkameraden sagen können und das sollten sie neben die Namen schreiben. Es dauerte die ganze Stunde, bis jeder fertig war und bevor sie den Klassenraum verließen, gaben sie ihre Blätter der Lehrerin.
Am Wochenende schrieb die Lehrerin jeden Schülernamen auf ein Blatt Papier und daneben die Liste der netten Bemerkungen, die ihre Mitschüler über den einzelnen aufgeschrieben hatten.
Am Montag gab sie jedem Schüler seine oder ihre Liste. Schon nach kurzer Zeit lächelten alle. „Wirklich?“, hörte man flüstern. „Ich wusste gar nicht, dass ich irgendjemandem was bedeute!“ und „Ich wusste nicht, dass mich andere so mögen“, waren die Kommentare. Niemand erwähnte danach die Listen wieder. Die Lehrerin wusste nicht, ob die Schüler sie untereinander oder mit ihren Eltern diskutiert hatten, aber das machte nichts aus. Die Übung hatte ihren Zweck erfüllt. Die Schüler waren glücklich mit sich und mit den anderen.

Einige Jahre später war einer der Schüler in Vietnam gefallen und die Lehrerin ging zum Begräbnis dieses Schülers. Die Kirche war überfüllt mit vielen Freunden. Einer nach dem anderen, der den jungen Mann geliebt oder gekannt hatte, ging am Sarg vorbei und erwies ihm die letzte Ehre. Die Lehrerin ging als letzte und betete vor dem Sarg. Als sie dort stand, sagte einer der Soldaten, die den Sarg trugen, zu ihr: „Waren Sie Marks Mathe Lehrerin?“ Sie nickte: „Ja“. Dann sagte er: „Mark hat sehr oft von Ihnen gesprochen.“
Nach dem Begräbnis waren die meisten von Marks früheren Schulfreunden versammelt. Marks Eltern waren auch da und sie warteten offenbar sehnsüchtig darauf, mit der Lehrerin zu sprechen. „Wir wollen Ihnen etwas zeigen“, sagte der Vater und zog eine Geldbörse aus seiner Tasche. „Das wurde gefunden, als Mark gefallen ist. Wir dachten, Sie würden es erkennen.“ Aus der Geldbörse zog er ein stark abgenutztes Blatt, das gefaltet und auseinandergefaltet worden war. Die Lehrerin wusste ohne hinzusehen, dass dies eines der Blätter war, auf denen die netten Dinge standen, die seine Klassenkameraden über Mark geschrieben hatten. „Wir möchten Ihnen so sehr dafür danken, dass Sie das gemacht haben“, sagte Marks Mutter. „Wie Sie sehen können, hat Mark das sehr geschätzt.“
Alle früheren Schüler versammelten sich um die Lehrerin. Charlie lächelte ein bisschen und sagte: „Ich habe meine Liste auch noch. Sie ist in der obersten Lade in meinem Schreibtisch“. Chucks Frau sagte: „Chuck bat mich, die Liste in unser Hochzeitsalbum zu kleben.“ „Ich habe meine auch noch“, sagte Marilyn. „Sie ist in meinem Tagebuch.“ Dann griff Vicki, eine andere
Mitschülerin, in ihren Taschenkalender und zeigte ihre abgegriffene und ausgefranste Liste den anderen. „Ich trage sie immer bei mir“, sagte Vicki und meinte dann: „Ich glaube, wir haben alle die Listen aufbewahrt.“
Die Lehrerin war so gerührt, dass sie sich setzen musste und weinte. Sie weinte um Mark und für alle seine Freunde, die ihn nie mehr sehen würden.

Eigenständiges Denken an der Uni

Das folgende war eine Frage, die bei einer Physikprüfung an der Universität von Kopenhagen gestellt wurde:

Beschreiben Sie, wie man die Höhe eines Wolkenkratzers mit einem Barometer feststellt.

Ein Kursteilnehmer antwortete:
Sie binden ein langes Stück Schnur an den Ansatz des Barometers, senken dann das Barometer vom Dach des Wolkenkratzers zum Boden. Die Länge der Schnur plus die Länge des Barometers entspricht der Höhe des Gebäudes.

Diese in hohem Grade originelle Antwort entrüstete den Prüfer dermaßen, dass der Kursteilnehmer sofort entlassen wurde. Er appellierte an seine Grundrechte, mit der Begründung, dass seine Antwort unbestreitbar korrekt war, und die Universität ernannte einen unabhängigen Schiedsrichter, um den Fall zu entscheiden. Der Schiedsrichter urteilte, dass die Antwort in der Tat korrekt war, aber kein wahrnehmbares Wissen von Physik zeige. Um das Problem zu lösen, wurde entschieden den Kursteilnehmer nochmals herein zu bitten und ihm sechs Minuten zuzugestehen, in denen er eine mündliche Antwort geben konnte, die mindestens eine minimale Vertrautheit mit den Grundprinzipien von Physik zeigte.

Für fünf Minuten saß der Kursteilnehmer still, den Kopf nach vorne, in Gedanken versunken. Der Schiedsrichter erinnerte ihn, dass die Zeit lief, worauf der Kursteilnehmer antwortete, dass er einige extrem relevante Antworten hatte, aber sich nicht entscheiden könnte, welche er verwenden sollte. Als ihm geraten wurde, sich zu beeilen, antwortete er wie folgt:

 

  1. „Erstens könnten Sie das Barometer bis zum Dach des Wolkenkratzers nehmen, es über den Rand fallen lassen und die Zeit messen die es braucht, um den Boden zu erreichen. Die Höhe des Gebäudes kann mit der Formel H=0..5g xt im Quadrat berechnet werden. Der Barometer wäre allerdings dahin!
  2. Oder, falls die Sonne scheint, könnten Sie die Höhe des Barometers messen, es hochstellen und die Länge seines Schattens messen. Dann messen Sie die Länge des Schattens des Wolkenkratzers, anschließend ist es eine einfache Sache, anhand der proportionalen Arithmetik die Höhe des Wolkenkratzers zu berechnen.
  3. Wenn Sie aber in einem hohem Grade wissenschaftlich sein wollten, könnten Sie ein kurzes Stück Schnur an das Barometer binden und es schwingen lassen wie ein Pendel, zuerst auf dem Boden und dann auf dem Dach des Wolkenkratzers. Die Höhe entspricht der Abweichung der gravitationalen Wiederherstellungskraft T=2 pi im Quadrat (l/g).
  4. Oder, wenn der Wolkenkratzer eine äußere Nottreppe besitzt, würde es am einfachsten gehen da hinauf zu steigen, die Höhe des Wolkenkratzers in Barometerlängen abzuhaken und oben zusammen zu zählen.
  5. Wenn Sie aber bloß eine langweilige und orthodoxe Lösung wünschen, dann können Sie selbstverständlich das Barometer benutzen, um den Luftdruck auf dem Dach des Wolkenkratzers und auf dem Grund zu messen und der Unterschied bezüglich der Millibare umzuwandeln, um die Höhe des Gebäudes zu berechnen.
  6. Aber, da wir ständig aufgefordert werden die Unabhängigkeit des Verstandes zu üben und wissenschaftliche Methoden anzuwenden, würde es ohne Zweifel viel einfacher sein, an der Tür des Hausmeisters zu klopfen und ihm zu sagen:
    „Wenn Sie ein nettes neues Barometer möchten, gebe ich Ihnen dieses hier, vorausgesetzt Sie sagen mir die Höhe dieses Wolkenkratzers.“

Der Kursteilnehmer war Niels Bohr, der erste Däne der überhaupt den Nobelpreis für Physik gewann.

Ich war männlich, verwegen, ich war frei und hatte lange Haare

… diese Geschichte hat hoffentlich nichts mit mir oder irgendjemandem zu tun, den ich kenne.

 

Ich war männlich, verwegen, ich war frei und hatte lange Haare.

Meine Frau lernte mich kennen, nicht umgekehrt. Sie stellte mir förmlich
nach. Egal wo ich hinkam, sie war schon da. Es ist nun zwölf Jahre her.
Damals war ich eingefleischter Motorradfahrer, trug nur schwarze
Sweat-Shirts, ausgefranste Jeans und Bikerstiefel, und ich trug lange Haare.

Selbstverständlich hatte ich auch ein Outfit für besondere Anlässe. Dann
trug ich ein schwarzes Sweat-Shirt, ausgefranste Jeans und weiße Turnschuhe.
Hausarbeit war ein Übel, dem ich wann immer es möglich war aus dem Weg
ging. Aber ich mochte mich und mein Leben. So also lernte sie mich kennen.
„Du bist mein Traummann. Du bist so männlich, so verwegen und so frei.“

Mit der Freiheit war es alsbald vorbei, da wir beschlossen zu heiraten.
Warum auch nicht, ich war männlich verwegen, fast frei und ich hatte lange
Haare.

Allerdings nur bis zur Hochzeit. Kurz vorher hörte ich sie sagen: “ Du
könntest wenigstens zum Frisör gehen, schließlich kommen meine Eltern zur
Trauung.“ Stunden, – nein Tage später und endlose Tränen weiter gab ich nach
und ließ mir eine modische Kurzhaarfrisur verpassen, denn schließlich liebte
ich sie, und was soll`s, ich war männlich, verwegen, fast frei und es zog
auf meinem Kopf.

Und ich war soooo lieb.
„Schatz ich liebe Dich so wie Du bist“ hauchte sie. Das Leben war in Ordnung
obwohl es auf dem Kopf etwas kühl war.

Es folgten Wochen friedlichen Zusammenseins bis meine Frau eines Tages mit
einer grossen Tüte unterm Arm vor mir stand. Sie holte ein Hemd, einen
Pullunder ( Bei dem Wort läuft es mir schon eiskalt den Rücken runter ) und
eine neue Hose hervor und sagte:“ Probier das bitte mal an.“ Tage, Wochen,
nein Monate und endlose Papiertaschentücher weiter gab ich nach, und trug
Hemden, Pullunder ( Ärrrgh) und Stoffhosen. Es folgten schwarze Schuhe,
Sakkos, Krawatten und Designermäntel. Aber ich war männlich, verwegen,
totchic und es zog auf meinem Kopf.

Dann folgte der grösste Kampf. Der Kampf ums Motorrad. Allerdings dauerte er
nicht sehr lange, denn im schwarzen Anzug der ständig kneift und zwickt
lässt es sich nicht sehr gut kämpfen. Außerdem drückten die Lackschuhe was
mich auch mürbe machte. Aber was soll`s, ich war männlich, spießig, fast
frei, ich fuhr einen Kombi, und es zog auf meinem Kopf.

Mit den Jahren folgten viele Kämpfe, die ich allesamt in einem Meer von
Tränen verlor. Ich spülte, bügelte, kaufte ein, lernte Deutsche Schlager
auswendig, trank lieblichen Rotwein und ging Sonntags spazieren. Was soll`s
dachte ich, ich war ein Weichei, gefangen, fühlte mich scheiße und es zog
auf dem Kopf.

Eines schönen Tages stand meine Frau mit gepackten Koffern vor mir und
sagte:“ Ich verlasse Dich.“ Völlig erstaunt fragte ich sie nach dem Grund.
„Ich liebe Dich nicht mehr, denn Du hast Dich so verändert. Du bist nicht
mehr der Mann den ich mal kennengelernt habe.“

Vor kurzem traf ich sie wieder. Ihr „Neuer“ ist ein langhaariger Biker mit
zerrissenen Jeans und Tätowierungen der mich mitleidig ansah.

Ich glaube ich werde Ihm eine Mütze schicken.

Der Mond der Prinzessin Leonore

Von James Thurber

Gefunden in blog.erfolg-ist-erlernbar.eu/ bzw. in mentalakademie.info/

 

 

Es war einmal ein Königreich, das lag am Meer, und dort lebte eine kleine Prinzessin namens Leonore.

Sie war zehn Jahre alt und ging ins elfte. Eines Tages wurde Leonore krank; sie hatte zu viel Himbeertorte gegessen und musste das Bett hüten. Der Königliche
Leibarzt wurde gerufen, um nach ihr zu sehen. Er maß ihre Temperatur, fühlte ihren Puls und ließ sich die Zunge zeigen. Er wurde sehr besorgt und schickte
nach dem König, Leonores Vater. Der König kam auch gleich, um zu sehen, wie es mit der Prinzessin stand. „Ich will dir alles geben, was dein Herz nur wünschen
kann“, sagte der König zur kleinen Leonore. „Gibt es etwas, wonach dein Herz begehrt?“ „Ja“, sagte die Prinzessin, „ich möchte gern den Mond haben. Wenn
ich den Mond habe, werde ich gleich wieder gesund.“

Darauf ging der König zum Thronsaal und läutete dreimal lang und einmal kurz, und sofort trat der Oberhofmarschall in den Saal. Er war ein großer, dicker
Mann mit einer großen Brille, die seine Augen zweimal so groß erscheinen ließ, wie sie wirklich waren. Infolgedessen schien hin wiederum der Oberhofmarschall
zweimal so weise zu sein, wie er wirklich war.

„Ich wünsche, dass du der Prinzessin Leonore den Mond verschaffst“, sagte der König. „Wenn sie den Mond bekommt, wird sie wieder gesund. Besorge ihn noch
heute Abend, aber allerspätestens morgen!“ Der Oberhofmarschall wischte sich mit seinem Taschentuch die Stirn ab und schnäuzte sich vernehmlich die Nase.
„Ich habe, seit ich Euch diene, eine Menge für Euch besorgt, Eure Majestät“, sagte er. „Es trifft sich zufällig, dass ich eine Liste davon bei mir habe.“
Er zog eine lange Pergamentrolle aus der Tasche. „Lasst mich sehen.“ Er schaute mit gerunzelter Stirn in die Liste. „Ich habe Euch Elfenbein, Affen und
Pfauen verschafft; Rubine, Opale und Smaragde; schwarze Orchideen, rosafarbene Elefanten und blaue Pudel; Kolibrizungen, Federn von Engelflügeln; Riesen,
Zwerge und Seejungfrauen; …“

„Das macht nichts“, unterbrach in der König, „was ich jetzt brauche, ist der Mond.“

„Der Mond“, sagte der Oberhofmarschall, „kommt leider nicht in Frage. Er ist 35.000
Meilen entfernt und größer als das Schlafzimmer der Prinzessin. Außerdem ist er aus
geschmolzenem Kupfer gemacht. Ich kann ihn Euch nicht herbeischaffen, Majestät. Blaue Pudel jawohl! Den Mond – nein!“ Da geriet der König in Wut, hieß
den Oberhofmarschall den Saal verlassen und den Königlichen Zauberer zu sich kommen.

Der Königliche Zauberer war ein kleiner, schmächtiger Mann mit einem länglichen Gesicht. Er trug einen hohen, roten, spitzen Hut, der mit Silbersternen
besetzt war, und eine lange blaue Robe, über und über mit goldenen Eulen bestickt. Er wurde recht blass, als ihm der König sagte, dass er für sein Töchterchen
den Mond brauche und dass er von ihm, dem Königlichen Zauberer, erwarte, er könne ihn beschaffen.

„Ich habe in meiner Amtszeit eine ganze Menge für Euch gezaubert, Majestät“, sagte er.
„Zufällig habe ich in meiner Tasche eine Liste von all den Zaubereien, die ich für Euch ausgeführt habe. Lasst mich mal sehen. Ich habe für Euch Blut aus
Steckrüben gequetscht und Steckrüben aus Blut. Ich habe Kaninchen aus Zylinderhüten gezaubert und Zylinderhüte aus Kaninchen. Ich habe aus nichts Blumen,
Tambourins und Tauben gezaubert und dann wieder nichts aus Blumen, Tambourins und Tauben. Ich habe Euch ‘Wünschelruten, Zauberstäbe und Kristallkugeln
verschafft, um darin die Zukunft zu schauen. Ich versah Euch mit Siebenmeilenstiefeln und mit einer Tarnkappe …“

„Die Tarnkappe funktionierte aber nicht“ fiel der König ein, „ich bin damit genau wie vorher überall angestoßen.“

„Was ich jetzt von dir wünsche, ist allein der Mond“, sagte der König. „Die Prinzessin wünscht ihn, und wenn sie ihn bekommt, wird sie gleich wieder gesund.“

„Den Mond kann niemand bekommen“, sagte der Königliche Zauberer. „Er ist 150.000
Meilen entfernt und aus grünem Käse gemacht. Außerdem ist er zweimal so groß wie
euer ganzer Palast.“

Wieder geriet der König in großen Zorn und schickte den Königlichen Zauberer zurück in seine Zauberhöhle.

Dann befahl er, den Königlichen Mathematiker vorzuladen, einen kahlköpfigen, kurzsichtigen Mann mit einer Haube auf dem Kopf und einem Federhalter hinter
dem Ohr. „Ich will keine lange Liste vorgelesen bekommen von allem, was du seit 1907 für mich ausgerechnet hast“, sagte der König zu ihm, „ich will von
dir hier auf der Stelle ausgerechnet haben, wie man den Mond für die Prinzessin Leonore beschaffen kann.“ „Ich freue mich ja so, Majestät, dass Ihr an
all das denkt, was ich für Euch seit 1907 ausgerechnet habe“, sagte der Königliche Mathematiker. „Rein zufällig habe ich eine Liste davon bei mir. Ich
habe Euch die Entfernungen zwischen Tag und Nacht sowie zwischen A und Z errechnet. Ich habe überschlagen, wie weit Aufwärts liegt, wie lange es währt,
um nach Hinweg zu kommen, und was aus Vergangen wird. Ich weiß, wie viel Ichs Ihr haben müsst, um ein Wir auszumachen, und wie viel Vögel Ihr mit dem Salz
des Ozeans fangen könnt. Nebenbei: 187.796.132, wenn es Euch interessieren sollte.“

„So viel Vögel gibt‘s ja gar nicht“, sagte der König, „und überhaupt: was ich jetzt brauche, ist der Mond.“

„Der Mond ist 300.000 Meilen entfernt“, sagte der Königliche Mathematiker. „Er ist rund und flach wie eine Münze, nur dass er aus Asbest gemacht ist; er
ist halb so groß wie Euer ganzes Königreich. überdies ist er am Himmel festgeklebt. Den Mond kann niemand herunterholen.“ Der König geriet in eine noch
größere Wut und schickte den Königlichen Mathematiker wieder fort.

Dann läutete er dem Hofnarren. Der kam in den Saal gesprungen, mit seiner Kappe und den kleinen Glöckchen daran, und ließ sich am Fuß des Thrones nieder.

„Was kann ich für Euch tun, Majestät?“

„Die Prinzessin Leonore möchte den Mond haben“, sagte der König traurig, „und sie kann nicht wieder gesund werden, ehe sie ihn bekommen hat. Aber niemand
kann ihn ihr holen. Jedes mal, wenn ich jemand um den Mond bitte, wird er größer und entfernter. Du kannst nichts für mich tun – höchstens auf deiner Laute
spielen; aber möglichst etwas Trauriges.“

„Wie groß, sagen sie, ist der Mond und wie weit entfernt?“ fragte der Hofnarr.
„Der Oberhofmarschall behauptete, er sei 35.000 Meilen entfernt und größer als das
Zimmer der Prinzessin Leonore“, sagte der König, „der Königliche Zauberer sagt, er sei 150.000 Meilen entfernt und zweimal so groß wie dieser Palast. Der
Königliche Mathematiker sagt, er sei 300.000 Meilen entfernt und halb so groß wie das ganze Königreich.“

Der Hofnarr zupfte eine Weile auf seiner Laute. „Sie sind alle drei sehr gelehrt, und es ist klar, dass sie alle drei recht haben. Wenn sie alle drei recht
haben, dann muss der Mond genauso groß sein und so weit entfernt, wie jeder denkt. Man braucht also bloß die Prinzessin Leonore zu fragen, was sie denkt,
wie groß der Mond sei.“

„Daran hätte ich nie gedacht“, erwiderte der König.

„Ich will zu ihr gehen und sie fragen, Majestät.“

Die Prinzessin Leonore freute sich, den Hofnarren zu sehen, aber ihr Gesicht war sehr blass und ihre Stimme sehr schwach.

„Hast du mir den Mond mitgebracht?“ fragte sie. „Noch nicht“, sagte der Hofnarr, „aber ich bin gerade dabei, ihn dir zu holen. Was denkst du, wie groß er
wohl sein könnte?“ „Er ist ein bisschen kleiner als mein Daumennagel“, sagte sie, „denn wenn ich meinen Daumennagel gegen den Mond halte, deckt er ihn
gerade zu.
„Und wie weit ist er entfernt?“ fragte der Hofnarr.

„Er hängt nicht ganz so hoch, wie der dicke Baum vor meinem Fenster groß ist“, sagte die Prinzessin, „denn manchmal bleibt er in seinen höchsten Zweigen
hängen.“ „Ich will heute nacht auf den Baum klettern, wenn der Mond in den oberen Zweigen hängt, und ihn dir herunterholen“, sagte der Hofnarr. Dann fiel
ihm etwas anderes ein. „Woraus ist eigentlich der Mond gemacht, Prinzessin?“ fragte er.

„Oh, natürlich ist er aus Gold, du Dummkopf“, sagte sie. Der Hofnarr ging zum Königlichen Goldschmied und ließ bei ihm einen niedlichen runden, goldenen
Mond anfertigen, gerade ein wenig kleiner als der Daumennagel der Prinzessin Leonore. Dann wurde der goldene Mond an einer goldenen Kette befestigt, damit
die Prinzessin ihn als Halsschmuck tragen konnte.

„Was ist das eigentlich, was ich da machen musste?“ fragte der Königliche Goldschmied. „Ihr habt den Mond gemacht“, sagte der Hofnarr. „Das ist der Mond.“
„Aber der Mond“, sagte der Königliche Goldschmied, „ist 500.000 Meilen entfernt, ist aus Bronze und rund wie eine Kugel.“

„Das denkst du“, sagte der Hofnarr und ging mit dem Mond seiner Wege. Der Hofnarr brachte den Mond der Prinzessin, die überglücklich war. Tags darauf war
sie wieder gesund, konnte aufstehen und im Garten spielen.

Aber der König wusste, dass der Mond am selben Abend wieder am Himmel aufgehen würde, und wenn die Prinzessin ihn sähe, würde sie merken, dass der Mond
an ihrer Halskette nicht der echte war. So sagte er zum Oberhofmarschall: „Wir müssen verhindern, dass die Prinzessin heute Abend den Mond sehen bekommt.
Denk dir etwas aus!“

Der Oberhofmarschall legte den Zeigefinger an die Stirn. „Wir könnten für die Prinzessin eine schwarze Brille bestellen.“

Aber über diesen Vorschlag wurde der König sehr unwillig. „Wenn sie eine schwarze Brille trägt, wird sie überall anstoßen und dann wieder krank werden!“
So berief er den Königlichen Zauberer zu sich, der erst auf den Händen lief, dann auf dem Kopf stand und schließlich wieder auf seine Füße zu stehen kam.
„Ich weiß, was wir tun könnten“, sagte er. „Schwarze Samtvorhänge aufhängen, um alle Gärten um den Palast wie ein Zirkuszelt zu überdachen.“ Da wurde aber
der König so wütend, dass er mit beiden Armen in der Luft herumfuchtelte. „Schwarze Vorhänge halten die frische Luft ab, und die Prinzessin würde wieder
krank werden.“ Er befahl, den Königlichen Mathematiker zu holen.

Der Königliche Mathematiker schritt im Kreise herum und dann im Viereck, und dann stand er still. „Ich hab‘s“, sagte er, „wir könnten jede Nacht im Garten
ein Feuerwerk abbrennen. Wir wollen eine Menge Leuchtfontänen aus Silber machen und Wasserfälle aus Gold. Wenn sie dann verpuffen, wird der Himmel mit
so vielen Funken bedeckt sein, dass er taghell erleuchtet ist und die Prinzessin den Mond nicht sehen kann.“ Jetzt geriet der König in einen solchen Zorn,
dass er einen Luftsprung machte. „Das Feuerwerk würde die Prinzessin am Einschlafen hindern, und sie würde wieder krank werden.“ So schickte er den Königlichen
Mathematiker ebenfalls wieder fort.

Als der König aus dem Fenster blickte, war es draußen dunkel geworden, und der leuchtende Rand der Mondscheibe lugte gerade über den Horizont.

Voller Schrecken sprang er auf und klingelte nach dem Hofnarren. „Spiel mir etwas sehr, sehr Trauriges“, sagte der König, „denn wenn die Prinzessin den
Mond draußen sieht, wird sie wieder krank.“

Der Hofnarr zupfte auf seiner Laute. „Was sagen Eure klugen Gelehrten dazu?“
„Ihnen fällt nichts ein, um den Mond zu verstecken, als was die Prinzessin wieder krank machen würde“, sagte der König.

Der Hofnarr spielte leise eine andere Melodie. „Wenn Eure Gelehrten den Mond nicht verstecken können, dann kann er nicht versteckt werden“, sagte er. „Aber
wer wusste zu sagen, wie man den Mond bekommen kann? Das war die Prinzessin Leonore! Daher ist die Prinzessin Leonore klüger als Eure Gelehrten und weiß
vom Monde mehr als sie. Also will ich die Prinzessin fragen!“

Und ehe der König ihn zurückzuhalten vermochte, glitt er still aus dem Thronsaal und hinauf über die Marmortreppe ins Schlafzimmer der Prinzessin. Sie war
schon zu Bett gegangen, aber noch ganz wach und schaute aus dem Fenster zum Himmel, wo leuchtend der Mond stand. In ihrer Hand glänzte der Mond, den ihr
der Hofnarr gebracht hatte. Dieser schaute sehr bekümmert drein, und in seinen Augen schienen Tränen zu schimmern.

„Sag mir nur, Prinzessin Leonore“, fragte er kläglich, „wie kann der Mond am Himmel scheinen, wenn er doch um deinen Hals an einer goldenen Kette hängt?“
Die Prinzessin blickte ihn an und lachte. „Das ist nicht schwer, du Dummkopf“, sagte sie. „Wenn ich einen Zahn verliere, wächst ein neuer dafür, nicht
wahr? Und wenn der Gärtner im Garten Blumen schneidet, blühen andere Blumen an ihrer Stelle auf.“ „Daran hätte ich selber denken können“, sagte der Hofnarr,
„das ist ja dieselbe Geschichte wie mit dem Tageslicht.“

„Und mit dem Monde ist es auch dieselbe Geschichte“, sagte die Prinzessin Leonore. „Ich denke, das ist mit allem dieselbe Geschichte.“

Ihre Stimme wurde ganz leise und verlor sich allmählich, und der Hofnarr merkte, dass sie eingeschlafen war. Behutsam schob er ihre Kissen zurecht. Aber
ehe er das Zimmer verließ, ging er hinüber ans Fenster und zwinkerte zum Mond hinauf, denn es schien dem Hofnarren, als ob der Mond ihm zugezwinkert habe.

Und was denken Sie?